Perspektivfindung
Viele Kinder und Jugendliche, die wir während eines stationären Aufenthalts in der LWL-Klinik Marl-Sinsen an unserer Schule in der Haard unterrichten, sind mit ihrer persönlichen schulischen Situation unzufrieden.
Ursachen und genaue Ausprägungen sind dabei vielfältig: z.B. Leistungsdruck, Über- oder Unterforderung, sozialer Druck, Mobbingerfahrungen. Bisweilen steigern sich diese negativ besetzten Schulerfahrungen hin zu einer regelrechten Aversion gegen Schule als System oder zu einer ausgewachsenen Schulphobie, die nicht selten in Schulabsentismus (dauerhaftes Fernbleiben) übergeht. Im Idealfall wird uns Kolleg:innen dies bereits im Vorfeld der Aufnahme durch Hinweise bzw. in Gesprächen mit den Erzieher:innen /Therapeut:innen der Klinik oder mit Kolleg:innen der Stammschule klar.
Im Aufnahmegespräch spielt daher die Frage nach der Zufriedenheit mit Schule/mit Lernen eine wichtige Rolle. Falls dabei die Situation nicht genügend zum Ausdruck kommt, achten wir im Unterricht verstärkt auf Symptome einer negativen Einstellung zur Schule wie z.B. vermeidendes und/oder abwertendes Verhalten, Unwohlsein in klassisch schulischen Kontexten (z.B. Vorlesen, auf Fragen antworten, vor anderen sprechen, ein Arbeitsblatt bearbeiten, sich an Gesprächen beteiligen) oder auch beiläufige Bemerkungen zu Lehrer:innen der Stammschule.
Wenn also eine aktuelle oder grundsätzlich die schulische Situation mitverantwortlich für eine persönliche Krise ist, vertiefen wir unsere erste Wahrnehmung im Gespräch mit Stammschulvertreter:innen und Therapeut:innen, um unseren Unterricht individuell anzupassen. Wir können dann durch niederschwellige Angebote, Konzentration auf wesentliche Aspekte (Lernorganisation einüben, Strukturen wahrnehmen und einhalten, zunächst Vorlieben bestärken, nur wenige Anforderungen bewältigen etc.) versuchen, dass die Schüler:innen die augenblickliche Schulsituation und damit Schule überhaupt mit positiven Assoziationen besetzen (vgl. Unterricht …).
Im weiteren Verlauf der Therapie und unseres Unterrichts wägen wir ab, ob
(1) eine weitere Beschulung an der Stammschule,
(2) ein Wechsel der Stammschule,
(3) ein Wechsel der schulischen Laufbahn,
(4) ein Wechsel in ein Ausbildungsverhältnis oder
(5) ein Wechsel in schulische bzw. in andere Ersatzmaßnahmen
in Frage kommen.
Wichtig dabei ist, dass je nach Möglichkeit Erziehungsberechtigte, gesetzliche Vertreter:innen, die Lehrer:innen der Stammschule sowie Erzieher:innen/
Therapeut:innen und Sozialer Dienst der Klinik beteiligt sind – immer jedoch auch gemeinsam mit den Schüler:innen.
(1) Eine weitere Beschulung in der Stammschule kann angezeigt sein, wenn die Ursache der negativen Assoziation der schulischen Situation klar identifiziert werden kann, z.B. ein bislang ungelöster Konflikt mit Mitschüler:innen, mangelhafte Lernorganisation oder die Überforderung in einem bestimmten Fach, die wir durch intensiven individuellen Unterricht bei uns abmindern. Beispielsweise gehen wir u.a. mithilfe individueller Stundenplanänderungen und Konzentration auf wenige Lerninhalte sowie dem Ansatz grundsätzlich Lernen zu erlernen sinnvoll darauf ein.
(2) Wenn ein Wechsel der Heimatschule angezeigt ist, sindunsere häufigen Kontakte zu den unterschiedlichsten Stammschulen im Einzugsgebiet der Klinik hilfreich. Unser Wissen über curriculare Schwerpunktsetzungen, Erreichbarkeit und nicht zuletzt auch über die spezifische Atmosphäre der Stammschulen können mit in die Waagschale der Wechselentscheidung einfließen.
(3) Einem nötigen Wechsel der Schullaufbahn können zunächst vielfältige Dinge entgegenstehen wie z. B. unrealistische Wünsche der Eltern/Erziehungsberechtigten oder Unwissenheit bezüglich der verschiedenen Möglichkeiten. Wir informieren über die zahlreichen Möglichkeiten des Schulsystems. Vielen sind z.B. Sekundarschulen oder Berufskollegs mit ihren Angeboten nicht ausreichendbekannt. In einigen Fällen kann es sich auch als notwendig erweisen, ein AO-SF-Verfahren zu initiieren (vgl. XY).
(4) In manchen Fällen, z.B. wenn schon ein Abschluss der Sekundarstufe I erreicht wurde, kann es auch sinnvoll sein, vom Anstreben eines Vollabiturs abzusehen und in die berufliche Bildung und Ausbildung zu wechseln, um dort im dualen System die Fachhochschulreifeanzustreben. Hierzu halten wir Übersichtsbroschüren bereit und beraten hinsichtlich der Vielfalt anBildungsgängen und Ausbildungsberufen.
(5) Oft liegt auch ein grundlegendes Störungsverhältnis zwischen Schüler:innen und Stammschule vor, z.B. ein Schulverweis seitens der Schule oder eine Schulverweigerung bis hin zu Absentismus. Wir unterstützen dabei, dass Schüler:innen in eine entsprechende schulische oder andere Ersatzmaßnahme (z.B. BUS-Klassen, Jugendkunstschule) wechseln. Ein solcher Wechsel kann auch erforderlich sein, weil die Schüler:innen an einer krankheitsbedingten dauerhaften Überforderung im Schulsystem leiden.
Perspektiven zu entwickeln heißt aber nicht nur, sich mit der eigenen Schullaufbahn zu beschäftigen und einen bestimmten Abschluss anzustreben. Um diese aber eben auch jenseits von Schule für sich persönlich eine Perspektive zu entwickeln, bieten wir gezielt Alternativen zum klassischen Unterricht an.
Für uns spielt das Erleben von gemeinsamen Lernen, Erfolgen, Gemeinschaft eine große Rolle. Die heterogenen Klassen/Lerngruppen sowie unser zusätzliches unterrichtliches Angebot (Textiles Gestalten, Werken, Kunst, Musik, Arbeitsgemeinschaften etc.) führen zu bereichernden Erfahrungen, die für Schüler:innen neue Perspektiven (schulische und außerschulische Themen, handwerkliches Können, Kreativität etc.) eröffnen. Hier wie aber auch grundsätzlich in allen Unterrichtsstunden wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, neue Lernerfahrungen zu machen, die ihnen im besten Fall eigene Ressourcen aufzeigen, um diese dann einbringen, sich entfalten und nutzen zu können.
Persönliche und schulische Motivation bei jeder einzelnen Schülerin/jedem einzelnen Schüler zu fördern, ist unser zentrales Anliegen. Es geht darum, das Selbstbewusstsein zu stärken sowie ein realistischeres Selbstbild zu erhalten, um eigene Perspektiven entwickeln zu können.